Freitag, 3. Juli 2009

L'État, c'est nous!

Eigentlich sollte hier ein kleiner Ueberblick ueber meine letzten Reisestationen stehen. Darueber, wie ich mich, ganz wie Reinhold Messner fuehlend, auf 4200m Hoehe ganz ganz kurz vor dem Gipfel des Nevado de Colima einem Hagelsturm geschlagen geben musste und nicht nachschauen konnte, ob es ganz oben ein Logbuch gibt. Darueber, wie mich Colima angenehm ueberrascht hat. Wie nett Sayulita und wie uninteressant Puerto Vallarta sind.

Aber manchmal ist eben alles anders.

Zum Beispiel hier in La Ticla im Staat Michoacán. Netter Strand, Wellen zu gross fuer mich zum surfen, aber gibt hier eh keine Boards zum leihen. Gibt eigentlich nicht viel hier: Zwei Restaurants, zwei Internetcafés, zwei kleine Läden, zwei Zeltplaetze. Jeweils einmal geöffnet, einmal geschlossen. Von der Bushaltestelle am Highway laeuft man eine knappe Stunde durch sengende Hitze, mit schwerem Rucksack gar nicht zo angenehm. Gibt keinen Bus fuer den Weg und keine Taxis. Und keinen Verkehr, der einen vielleicht mitnehmen koennte.

Dafuer gibt es einen bewaffneten Nachbarschaftskonflikt. Oder einen Buergerkrieg auf Micro-Niveau. Die Bauern aus dem Nachbarort La Placita (wir reden hier von zwei Gemeinden zwischen 200 und 500 Einwohnern, beide sind indigene Gemeinden und haben damit etwas mehr Autonomie, aber auch keine Polizei, die nicht ausschliesslich aus oertlichen Fischern und Bauern besteht) haben beschlossen, dass ein paar der fruchtbaren Weideländer zwischen den beiden Orten doch eigentlich zu ihnen und nicht zu La Ticla gehoeren sollten. Irgendwer hat aber die Lewute von hier gewarnt, die dann ihr Land verteidigten. Das heisst hier. Ein Mann aus La Placita tot, ein Mann aus La Ticla in den Arm geschossen. Im Moment ist Ruhe, aber es koennte ebensogut die vor dem Sturm sein. Hier in La Ticla sieht man jedenfalls kaum einen Erwachsenen ohne mindestens eine Machete herumlaufen, abends versammelt sich der Ort mit Gewehren und Pistolen auf der plaza principal um Wachen einzuteilen.

Die umliegenden Orte scheinen La Ticla Recht zu geben - immerhin ist das umstrittene Land schon seit Generationen ihres. Das Militaer oder die regulaere Polizei scheinen entweder nichts von der Sache zu wissen, oder -wahrscheinlicher - nichts wissen zu wollen. Was gehen die zwei Indio-Doerfewr an...

Der Highway 200, der die Kueste von Nord nach Sued verbindet, wird nur spaerlich von beiden Seiten fuer Verkehr freigegeben und die bewaffneten Milizen kontrollieren jedes Vehikel. Koennte ja jemand aus dem Nachbarort versteckt sein. Ich jedenfalls fuehle mich erstmals in Mexiko sicherer, wenn ich meine wieder laenger werdende blonde Haarpracht zeige und auch sonst nicht zu sehr versuche wie von hier zu wirken. Man verspricht mir, ich seie hier vollkommen sicher und solle mir keine Sorgen machen. Aber die Ruhe hier wird langsam unheimlich und ich muss den grossen Knall nun irgendwie dann doch nicht aus naechster Naehe miterleben. Schon gar nicht aus einer Entfernung, bei der meine Kamera auch ohne Teleobjektiv noch von Nutzen waere. Morgen geht es also ab ins hoffentlich friedlichere, aber zumindest am Wochenende belebtere Barra de Nexpa. Vorausgesetzt Busse duerfen passieren.

An alle, die jetzt fuerchterliche Angst haben um mich: Ich habe noch nicht einen Schuss gehoehrt, alles hier ist das, was ich von den Einheimischen in La Ticla und Faro de Bucerías erzaehlt bekomme. Koennte also auch alles etwas harmloser sein. Zur Untertreibung neigende Mexikaner_innen kenne ich nicht viele. Nur Waffen habe ich gesehen, und das reicht mir erstmal.


Update:
Immerhin eine (!) Nachricht scheint es darueber im Netz zu geben. Auf Spanisch und scheinbar ausschliesslich aus einer Polizeinotiz gebastelt. Immerhin.

Kommentare:

Michael hat gesagt…

Logbuch = Schiff
Berggipfel = Gipfelbuch

aber das lernst Du auch noch ;-)

Ulle hat gesagt…

last jan standing

jan hat gesagt…

Konnte ja nicht nachschauen, wie das Teil heisst, haben es ja nicht bis oben geschafft. Hole das irgendwann an anderer Stelle nach. Man lernt ja nie aus...

Aus Ticla sind wir uebrigens schlussendlich ueber eine Seitenstrasse der Seitenstrasse die den Ort mit der Provinzstrasse verbindet geflohen - so richtig mit Barrikade aus Holz wegraeumen und abzischen bevor uns jemand sieht. Wurde dann doch zu unheimlich, gab keinen Kaese und kein Obst mehr im Ort und angeblich hatten die Indigenas ein paar Leute aus dem anderen Ort entfuehrt, so als Pfand sozusagen. Klang mir zu sehr nach blutiger Befreiungsaktion, um zu bleiben.